Strukturwandel im Gesundheitswesen
Prof. Dr. Jonas Schreyögg über Finanzdruck, Systemumbau und die Rolle des Medizinischen Dienstes
Steigende Ausgaben, demografische Entwicklungen und ein sich zuspitzender Fachkräftemangel stellen das deutsche Gesundheitswesen vor große Herausforderungen. Als stellvertretender Vorsitzender des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen sowie Mitglied der GKV-Finanzkommission berät Prof. Dr. Jonas Schreyögg die Bundesregierung zu zentralen Struktur- und Finanzfragen der Gesundheitsversorgung. Im Interview ordnet er den aktuellen Reformbedarf ein, skizziert notwendige Veränderungen und erläutert die Rolle unabhängiger Bewertungen für eine bedarfsgerechte und nachhaltige Versorgung.
Herr Professor Schreyögg, das deutsche Gesundheitswesen steht unter massivem Druck – finanziell, strukturell und personell. An welchem Punkt steht das System und was ist aus Ihrer Sicht das größte Risiko für die Versorgung in den nächsten fünf Jahren, wenn wir nicht gegensteuern?
Wir haben in den letzten zehn Jahren über unsere Verhältnisse gelebt, das heißt, die Ausgaben sind stärker gestiegen als die Veränderung der Grundlohnrate. Wenn wir hier nicht gegensteuern, wird das strukturelle Defizit immer größer und dieses strukturelle Defizit gefährdet auch die Resilienz unseres Gesundheitssystems in Bezug auf künftige Krisen.
Mit Blick auf die Finanzlage: Haben wir ein Einnahmenproblem, ein Ausgabenproblem – oder ein Effizienzproblem im Gesundheitssystem?
Das finanzielle Defizit hat sich ergeben, weil die Politik sich darauf verlassen hat, dass die Einnahmen durch den Anstieg der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten weiter so steigen wie in der Vergangenheit. Nun haben wir aber bereits ab 2024 gesehen, dass die Beschäftigung stagniert. Das heißt, die Einnahmen steigen wesentlich geringer. Gleichzeitig kommen auf der Ausgabenseite nun zusätzliche Leistungsausgaben durch Beschlüsse der letzten Jahre – etwa das Pflegebudget, die automatische Tarifrefinanzierung, das Terminservice und Versorgungsgesetz (TSVG) – hinzu. Das heißt, wir steuern auf ein enormes Defizit zu. Wäre man in der Vergangenheit die Strukturreformen – unter anderem die Notfallversorgung, das Primärarztsystem, die nachhaltige Arzneimittelpreisregulierung – bereits angegangen, dann könnte man sich auf eine effizientere Leistungserbringung stützen und hätte nun nicht alles gleichzeitig zu stemmen.
In der Reformdebatte wird gefordert, medizinische Versorgung stärker nach Bedarf zu steuern, etwa über eine stärkere Rolle der Hausarztpraxen. Ist das aus Ihrer Sicht ein tragfähiger Ansatz?
Ja, das benötigen wir aus meiner Sicht unbedingt. Aus meiner Sicht sollte man möglichst schnell ein Primärversorgungssystem einführen, das in mehreren Stufen graduell zu einem effizienten digitalen System der Patientensteuerung ausgebaut wird. Kurzfristig ist primär eine Reduktion der Hospitalisierungen zu erwarten. Mittelfristig, wenn Leitlinien für Hausärzte und Spezialisten, ähnlich wie in der HZV in Baden-Württemberg, eingeführt werden und eine digitale Überweisung von Hausärzten mit Priorisierung nach Dringlichkeit möglich ist, würde ich erwarten, dass wir auch eine Reduktion von Spezialistenbesuchen sehen werden.
Die deutsche Krankenhauslandschaft ist von Wettbewerb und Privatisierung geprägt – wie lässt sich die Patientensicherheit in diesem Umfeld dauerhaft gewährleisten?
Wettbewerb und Verbundbildungen haben die Krankenhauslandschaft belebt. Ich habe selbst eine Reihe von Studien zu Verbundbildung und Übernahmen durchgeführt und wir haben gesehen, dass dies, angefangen durch die Privatisierungswelle in den 90er-Jahren – heute gibt es ja nur noch wenige Privatisierungen im klassischen Sinne –, dann durch Rechtsformwechsel bei öffentlichen Trägern in den 2000ern bis hin zu den verstärkten Verbundbildungen in den 2010er-Jahren jeweils zu einer Effizienzsteigerung geführt hat. Allerdings wurde oft Pflegepersonal reduziert, daher war es richtig, dass man durch PPUG hier eine Grenze im Sinne der Patientensicherheit eingezogen hat. Derzeit analysieren wir in meinem Team übrigens die Veränderung in der Versorgungsqualität nach Mergers und Acquisitions im Krankenhausbereich. Unsere Zwischenergebnisse legen nahe, dass sich die Qualität dadurch tendenziell verbessert hat. Trotz alledem halte ich es für ordnungspolitisch wichtig, auch im Krankenhausbereich zu einer sanktionsbewährten Qualitätssicherung zu kommen. Der strukturierte Dialog reicht nicht aus.
Welche Potenziale sehen Sie für den Medizinischen Dienst als unabhängigen Akteur in den kommenden Reformjahren?
Ich halte den Medizinischen Dienst für ein sehr wichtiges Regulativ im System. Man kann sich als Bürgerin oder Bürger doch nur wünschen, dass ein Akteur überprüft, ob die verausgabten Beiträge tatsächlich korrekt eingestuft und abgerechnet werden. In anderen Versicherungszweigen – beispielsweise der Kfz-Versicherung – würde niemand infrage stellen, dass eine Versicherung einem möglichen Versicherungsbetrug nachgeht. Deshalb bin ich der festen Überzeugung, dass es ganz wichtig und sehr im Sinne des Systems ist, dass Krankenkassen uneingeschränkt durch den Medizinischen Dienst Abrechnungen prüfen lassen dürfen. Gerade bei dem Aufbau neuer Strukturen, zum Beispiel im Bereich der Notfallversorgung, die dann an bestimmte Strukturvoraussetzungen gebunden werden, wird den MD-Prüfungen eine besondere Bedeutung zukommen. Gleichzeitig werden wir sicherlich sehen, dass viele Prüfungen künftig noch stärker automatisiert und mit weniger Personal zu bewältigen sind.
Was würden Sie dem Medizinischen Dienst mit auf den Weg geben wollen?
Aus meiner Sicht ist es sehr wichtig für politisch Verantwortliche, Akteure im System, aber auch die Bürgerinnen und Bürger, noch mehr über die Tätigkeiten des Medizinischen Dienstes zu erfahren. In meiner Wahrnehmung hat der MD in den letzten Jahren die Öffentlichkeitsarbeit deutlich ausgebaut. Ich glaube, dass das genau der richtige Weg ist, um die Systemrelevanz stärker in den Köpfen zu verankern.
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